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02.07.2012 17:41 Uhr
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Opa ohne Update

Opa ohne Update

Das Update

Fortbildung für Fortgeschrittene

Un­sere Dop­pel­kopf­run­de, die seit 20 Jah­ren fes­ter Be­stand­teil in mei­nem Le­ben ist, brö­ckelt. Wir wer­den wohl bald auf Skat um­stei­gen müs­sen, oder even­tu­ell so­gar auf Schach, oder Vier ge­winnt.
Am letz­ten Diens­tag eröff­nete Carlo uns, dass er erst­mal bis zum Win­ter mit Ter­mi­nen reich ge­seg­net sei und keine Zeit mehr habe für quasi sinn­lose Spie­le.
„K­eine Zeit mehr?“, bellte ihn Her­mann, der ein­zige in un­se­rer Run­de, der noch ei­ner ge­re­gel­ten Ar­beit nach­geht, an. „Du bist doch Früh-Rent­ner! Was gibt es denn so Wich­ti­ges im Le­ben ei­nes Rent­ners, was man nicht ver­schie­ben könn­te?“
­Carlo at­mete tief durch und starrte Hilfe su­chend auf die Tisch­plat­te.
„Das hört sich jetzt viel­leicht blöd an“, be­gann er vor­sich­tig und nippte erst­mal an sei­nem Bier. „A­ber ich hab euch doch erzählt, dass Lui­sa, un­sere Jüngs­te, dem­nächst Mut­ter wird und dass wir, meine Han­ne­lore und ich, dann end­lich Groß­el­tern wer­den.“
­Carlo nahm ner­vös einen zwei­ten Schluck Bier und be­kle­ckerte sich das Hem­d.
„Al­so, und da wir ja nun gar keine Er­fah­rung als Groß­el­tern ha­ben, meinte Han­ne­lore wir soll­ten erst­mal…“ Er stellte zitt­rig sein Bier­glas ab und zog ein Stoffta­schen­tuch aus der Ho­sen­ta­sche.
Drei Paar Au­gen starr­ten stumm auf den schon bei­nahe be­mit­lei­dens­wer­ten Car­lo.
„Al­so, wir ha­ben bei der Volks­hoch­schule so einen Kurs für wer­dende Groß­el­tern be­legt und der läuft im­mer diens­tags und don­ners­tags. Und darum kann ich nicht mehr mit euch…..“
Er konnte den Satz nicht be­en­den, weil Her­mann schal­lend los­brüllte und die Leute im Lo­kal sich er­schro­cken zu uns um­sa­hen.
„Ihr habt WAS?“, wollte Wer­ner, der schon drei fast er­wach­sene En­kel hatte und früher mal Schul­bus­fah­rer ge­we­sen war, wis­sen. „­Sag, dass das ein Scherz ist, oder?“
­Carlo sah ein we­nig be­dröp­pelt aus und wiegte den Kopf­.
„Ihr habt doch selbst drei Kin­der groß ge­zo­gen. Und da müsst Ihr nun einen Kurs ma­chen, um zu ler­nen……. Ich fass es nicht!“ Wer­ner zog eine Gri­masse und rieb sich ü­ber das Kinn.
„ Ich hab neu­lich mal so einen Ar­ti­kel ge­le­sen in dem es um so ge­nannte up­date-Kurse für Groß­el­tern ging, aber ich hab doch nicht im Traum daran ge­dacht, dass da tatsäch­lich je­mand hin geht. Und nun muss ich das hier auch noch live er­le­ben! Das ist ja der to­tale Wahn­sinn! “
­Carlo war völ­lig in sich zu­sam­men­ge­rutscht.
„Und für so einen Mist rui­nierst du un­sere Dop­pel­kopf­run­de?“, legte Her­mann noch ein­mal nach. „Das kommt be­stimmt al­les von die­sen Ü­ber­el­tern, die ton­nen­weise Bücher le­sen und selbst Kurse be­le­gen, be­vor ihr Pupsi ü­ber­haupt den ers­ten Schrei ab­ge­las­sen hat. Die schi­cken auch al­te, er­fah­rene Leute in die Volks­hoch­schu­le, da­mit sie ja nicht auf ihr be­währ­tes Wis­sen zurück­grei­fen, wenn die Bla­gen nicht in der Spur lau­fen.“
Ich hatte mich bis zu die­sem Zeit­punkt nicht an der „­Kam­pa­gne“ ge­gen den Großva­ter in Spé
­be­tei­ligt und vor­nehm zurück­ge­hal­ten. Das schien lei­der auf­zu­fal­len. Wer­ner kühlte sei­nen echauf­fier­ten Schä­del mit ein paar kräf­ti­gen Schlu­cken Bier und schüt­telte dann wie­der den Kopf­.
„Und du hast dazu wohl gar keine Mei­nung?“, fragte er mich pro­vo­zie­rend. “Im­mer­hin be­deu­tet die­ser Opa-Wahn das Aus für un­sere schöne Runde hier.“
Ich at­mete tief ein und nick­te.
„Ist klar“, sagte ich, ein we­nig be­dröp­pelt. „A­ber ich hätt es euch ei­gent­lich schon viel früher sa­gen sol­len. Meine Schwie­ger­toch­ter hat doch vor ei­nem Jahr wie­der an­ge­fan­gen zu ar­bei­ten, wie Ihr wisst. In ih­ren al­ten Be­ruf als Heb­amme konnte sie ja nicht wie­der zurück, weil sie ge­sund­heit­lich ziem­lich an­ge­schla­gen ist. Und da……..“ Ich zö­ger­te, weil mir das Ganze ziem­lich un­an­ge­nehm war. „Da…….“
Her­mann rollte un­ge­dul­dig mit den Au­gen und zog den Atem tief ein.

„Ja, da ist sie auf die Idee ge­kom­men mit die­sen up­date-Kur­sen für Groß­el­tern, - bei der Volks­hoch­schule - und da gib­t`s an­schei­nend einen rie­si­gen Be­darf. Und nun……..“
­Den Rest des Abends spiel­ten wir ziem­lich ver­bis­sen Dop­pel­kopf. Ge­re­det wurde nicht mehr sehr viel.

Ingesamt 3 Mal überarbeitet, zuletzt am 02.07.2012 um 21:32 Uhr.

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Leserreporter: Stephan Rykena
Rubrik: hautnah
Schlagworte: Enkel, Lernprogramm, Volkshochschule


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