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07.05.2013 19:12 Uhr
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Rasenmähen um Punkt drei

Nachbars Freud

„Jetzt brauch ich erst mal einen Sekt. Willste auch einen?“
Ich konnte mir Lud­wigs plötz­li­chen An­fall von Spen­da­bi­lität zwar nicht auf An­hieb er­klären, aber so ein Glä­schen Sekt passte gut zu den un­end­li­chen Son­nen­strah­len, die die Fußgän­ger­zone an die­sem Frei­tag­mor­gen durch­flu­te­ten. Mit Mühe hat­ten wir ein Plätz­chen auf der Rentn­er­renn­bahn am Markt­tag er­wi­scht. Das per­ma­nente Hän­de­schüt­teln, Be­lang­lo­sig­kei­ten aus­tau­schen und Zu­ni­cken im Ge­dränge zwi­schen den Markstän­den machte ir­gend­wie durs­tig.
„Hatte dich schon ver­misst zwi­schen all den pen­sio­nier­ten Leh­rern hier“, ketzte ich ein we­nig, während Lud­wig den Sekt be­stell­te. „­Bist doch sonst im­mer so pünkt­lich.“
Er schnaubte und sor­tierte seine Pfunde auf dem zier­li­chen Stuhl. „Hör mir auf mit pünkt­lich“, brum­melte er schließ­lich. „­Ges­tern wollte ich bei mei­ner 85jäh­ri­gen Tante mal eben den Ra­sen mähen und hab da­bei natür­lich nicht auf die Uhr ge­schaut. Plötz­lich stand ihr klein­ka­rier­ter Nach­bar am Zaun und mein­te, es sei in der Ge­gend Usus, nicht vor 3 Uhr zu mähen und es sei Vier­tel vor drei.
Ich kann dir sa­gen, ich wäre fast ge­platz­t.“
Lud­wigs Falte auf der Stirn nahm be­droh­li­che Aus­maße an und ich ver­kniff mir zu sa­gen, dass der Nach­bar das wohl nicht ü­ber­lebt hät­te, bei Lud­wigs Aus­maßen.
­Der Sekt kam und wir pros­te­ten uns zu.
„Und - wie ich dich ken­ne, hast du dir was ein­fal­len las­sen“, sagte ich statt­des­sen, weil ich mich er­in­ner­te, was Lud­wig sich als Leh­rer so al­les ein­fal­len las­sen hat­te, um un­zu­ver­läs­si­gen Schü­lern ihr Ver­hal­ten vor Au­gen zu führen. Ei­nem no­to­risch un­pünkt­li­chen Schü­ler hatte er mal beim Nach­sit­zen eine ex­trem knif­fe­lige Auf­gabe ge­ge­ben, an der er lange ar­bei­ten musste und als er sie dann ab­gab hatte Lud­wig sie un­be­se­hen vor sei­nen Au­gen in den Pa­pier­korb ge­wor­fen. Als der Junge sich be­schwer­te, er­klärte Lud­wig ihm, dass er sich auch im­mer sehr gut auf den Un­ter­richt vor­be­reite und dass Zu­spät­kom­mer das ja wohl auch nicht wür­dig­ten.
Lud­wig grinste mich an.
„Du kennst mich ein­fach zu gut“, sagte er und nippte an sei­nem Sekt. „Ich hab den Schall­dämp­fer ein we­nig ge­lo­ckert und um Punkt drei Uhr gemäht, et­was gründ­li­cher als sonst viel­leicht. Das dau­ert hal­t.“
Ich be­feuch­tete die Lip­pen ein we­nig mit Sekt und brachte Lud­wig spon­tan ein Ständ­chen.
„­Sech­zig Jahre und kein biss­chen wei­se,
aus ge­hab­tem Scha­den nichts ge­lernt.
­Sech­zig Jahre auf dem Weg zum Greise
und doch sech­zig Jahr' da­von ent­fernt.“
Am Ende klatschte Lud­wig la­chend Bei­fall. „­Der Song ist doch ur­alt, - von Curd Jür­gens, - oder? Ge­nau mein Tex­t.“



Ingesamt 1 Mal überarbeitet, zuletzt am 08.05.2013 um 22:47 Uhr.

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Leserreporter: Stephan Rykena
Rubrik: hautnah
Schlagworte: Mittagsruhe, Ordnung, Spießer


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1 Leserkommentar
13.05.2013 19:46 Uhr
schlechtWertung: +/- 0gut
Kommentar von Hans-Jürgen Kauffeld:
Hans Kauf­feld ge­fällt das!